Neue Wege in der Psychotherapie: Wie KI und VR die Praxis verändern

Effizienter therapieren trotz wirtschaftlichem Druck: Wie VR und KI die Psychotherapie entlasten können

Seit dem 1. April 2026 sind die Honorare für ambulante psychotherapeutische Leistungen um 4,5% gekürzt. Was zunächst nach einer Zahl klingt, ist für viele Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen entscheidend.

Es ist die Differenz zwischen einer tragfähigen Praxis und einer, die sich nicht mehr trägt.

Die Kosten laufen schließlich weiter: Miete, Personal, Infrastruktur.

Wer am Monatsende dieselbe Summe stehen haben will wie vorher, muss entweder mehr Patient:innen versorgen oder pro Stunde effizienter werden. In den meisten Fällen ist beides nötig.

Genau hier setzten Dr. Linghui Luo (ClioAssist GmbH) und Joachim König (PsyCurio GmbH) in einem LinkedIn Live an. Sie diskutierten zwei Stellschrauben: den Einsatz von Virtual Reality (VR) im Therapieraum und den Einsatz von KI in Dokumentation und Praxisprozessen. Die Grundhaltung war klar: keine Klagestunde, sondern eine ehrliche Antwort, wie sich Versorgungsqualität und Wirtschaftlichkeit unter den neuen Rahmenbedingungen vereinbaren lassen.

Die Realität nach der Honorarkürzung in der Psychotherapie

Die strukturellen Probleme der psychotherapeutischen Versorgung sind nicht neu. Kassenpatient:innen warten laut Bundespsychotherapeutenkammer durchschnittlich fünf Monate auf Psychotherapie. Bei Kindern und Jugendlichen sind es etwa sechs Monate.

Bedarfsplanung, begrenzte Kassensitze und steigende Nachfrage treffen auf wirtschaftlichen Druck und höhere Kosten. Die Honorarkürzung verschärft diese Lage.

Hinzu kommt ein Punkt, der den Praxisalltag besonders unmittelbar prägt: Bürokratie und Dokumentation binden enorm viel Zeit. Probatorische Sitzungen, Anträge, Gutachterberichte, Arztbriefe, Berichte an Hausärzt:innen – all das ist notwendig, kostet aber Zeit, die für die therapeutische Arbeit fehlt. Viele Therapeut:innen erledigen einen großen Teil dieser Schreibarbeit abends oder am Wochenende.

Hebel 1: VR als klinisches Werkzeug

Virtual Reality wird in der Psychotherapie zunehmend als ergänzendes klinisches Werkzeug eingesetzt. Besonders dort, wo Exposition zentral ist, zeigt sich der Mehrwert. Vier Indikationsbereiche wurden hervorgehoben: Phobien, affektive Störungen, PTBS und Suchterkrankungen.

Der Mehrwert liegt in der Struktur. VR ermöglicht standardisierte Übungssituationen, in denen Patient:innen aktiv arbeiten. Situationen werden kontrolliert, reproduzierbar und geschützt erfahrbar.

Statt Expositionsübungen ausschließlich im Außen oder in der Vorstellung zu gestalten, lassen sich kritische Situationen direkt im Behandlungszimmer simulieren – abgestimmt auf das individuelle Therapieziel.

Für die Praxis bedeutet das gleich mehrere Effekte. Die Therapiezeit wird inhaltlich dichter und wirksamer. Therapeut:innen erhalten ein zusätzliches Werkzeug, das ihre fachliche Arbeit ergänzt, nicht ersetzt.

Während Patient:innen in VR arbeiten, kann die Therapeutin begleiten und beobachten. Sie kann auch kurze administrative Aufgaben erledigen.

Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Aspekt jenseits der Kassenleistung: Für viele Selbstzahler:innen und Privatpatient:innen ist VR als moderne, innovative Therapieform attraktiv.

Praxen können ihr Angebot fachlich vertiefen und differenzieren.

Hebel 2: KI für Dokumentation und Prozesse

Eine gute Therapiestunde nützt wenig, wenn danach noch Stunden für Berichte anfallen. Genau hier setzt der zweite Hebel an: KI gibt jene Zeit zurück, die heute in administrativen Tätigkeiten gebunden ist. Im Live Event wurden dazu vier konkrete Use Cases gezeigt.

- Anamnesedaten vor dem Gespräch erfassen. Patient:innen übermitteln Basisinformationen vor dem Gespräch. Behandler:innen gehen informiert ins Gespräch. Sie sparen Zeit und können früher fachlich einsteigen.

- Sitzungen automatisch dokumentieren. Während des Gesprächs entsteht im Hintergrund eine strukturierte Dokumentation. Das entlastet kognitiv: Statt parallel zum Zuhören Formulierungen für spätere Berichte zu speichern, können Therapeut:innen präsent bei der Patientin oder dem Patienten bleiben. Die fachliche Kontrolle über die Dokumentation bleibt vollständig bei der Behandlerin oder dem Behandler.

- Verschiedene Dokumente in Sekunden erstellen. Aus einer einzigen Sitzung müssen oft mehrere Dokumente entstehen: Verlaufseintrag, Arztbrief, Bericht an Überweiser. KI kann aus den vorhandenen Informationen verschiedene Dokumente in den jeweils passenden Formaten generieren, sodass nicht jedes Dokument von Grund auf neu geschrieben werden muss.

- Gutachterbericht vorbereiten. Gutachterberichte wie PTV-3-Gutachterbericht binden viel Zeit. KI kann hier vorbereitend strukturieren, vorhandene Informationen aus Anamnese, Verlauf und Befunden zusammenführen und einen ersten Entwurf liefern. Die fachliche Bewertung und Endverantwortung bleiben bei der Behandlerin oder dem Behandler, aber niemand muss mehr bei null beginnen.

Datenschutz, DSGVO und Datensouveränität bei sensiblen Therapiedaten

Psychotherapiedaten sind hochsensibel. Datenschutz ist hier nicht nur eine rechtliche Anforderung, sondern eine ethische Notwendigkeit. KI-Lösungen im Gesundheitswesen müssen sich daran messen lassen.

Die DSGVO setzt den europäischen Rahmen.

Wie dieser Rahmen in der Praxis ausgefüllt wird, hängt von der technischen Architektur ab.

Genau dieser Punkt wurde in der Diskussion deutlich: KI im Gesundheitswesen funktioniert nur dann, wenn die Datensouveränität gewahrt bleibt. Cloudbasierte Lösungen werfen dabei berechtigte Fragen auf: wo liegen die Daten, werden sie für das Training von Modellen genutzt, welche Abhängigkeiten entstehen gegenüber externen Anbietern? In der Psychotherapie ist diese Frage zentral.

On-Premise-Lösungen wie ClioAssist adressieren diese Anforderungen. Drei Aspekte sind dabei entscheidend:

Die Kernaussage: Smarter arbeiten statt mehr arbeiten

Wenn man beide Hebel zusammendenkt, ergibt sich ein einfaches Bild: VR macht die Therapiezeit dichter. KI gibt uns die Stunden zurück, die heute in der Bürokratie versickern. Übersetzt in den Praxisalltag heißt das, dass Praxen auch nach der 4,5-Prozent-Kürzung dieselbe oder sogar eine bessere Versorgung anbieten können. Genau hier schließen sich Effizienz und Versorgungsqualität nicht aus, sondern bedingen einander.

Die ehrlichste Antwort auf die Honorarkürzung ist damit nicht „wir arbeiten noch mehr", sondern „wir arbeiten smarter". Effizienz und Versorgungsqualität bedingen einander. Praxen gewinnen Zeit für Patient:innen und therapeutische Arbeit.

Überlegen Sie, wie sich diese Hebel konkret umsetzen lassen. Schauen Sie auf Ihre Prozesse: Welche Aufgaben kosten am meisten Zeit? Welche Dokumente sind aufwendig?

An welchen Stellen würde ein zusätzliches therapeutisches Werkzeug den größten Unterschied machen? Genau dort liegen die Ansatzpunkte und genau dort entscheidet sich, ob die Honorarkürzung zur Belastung wird oder zum Anlass, Prozesse neu zu denken.

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